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Individualisiertes Lernen in der Unterstufe – Ein Gespräch mit der Klassenlehrerin Beate Benkhofer über ihre drei Projekte Selbständiges Arbeiten, Kasperletheater und Zirkusprojekt in den Klassen 1 bis 3 (Schuljahre 2011-2014)

Das selbständige Arbeiten

 

Beate Benkhofer: Als Klassenlehrerin einer ersten Klasse machte ich allzu häufig die Erfahrung, dass die Kinder, wenn sie in ihrem Heft arbeiten sollten, erfragten, was ich zuvor bereits mehrere Male gesagt hatte. Mit der Zeit nahm dies sogar noch zu, weil die Schüler die Nähe der Lehrerin suchten. Und jeder, wenn er ein bisschen was in seinem Heft getan hatte, fragte mich, ob ich das auch schön fände. Am Ende hatte ich den Eindruck, da vorne steht eine Schlange mit Schülern und ich muss immer nur abarbeiten, abarbeiten, abarbeiten. Und da habe ich mich gefragt: Muss das eigentlich so sein? Und habe mir geantwortet: Nein! Wenn man als Schüler etwas nicht richtig mitgekriegt hat, kann man auch seine Mitschüler fragen. Es sind immer welche dabei, die gut zugehört haben. Und wenn ich als Schüler wissen will, ob etwas, das ich gemacht habe, schön ist, kann ich auch die Mitschüler fragen. Auch die können mir da weiterhelfen.

Und so habe ich dann von heute auf morgen den Kindern immer, wenn nach der Einführung in einen neuen Schritt die Bearbeitung im Heft anstand, gesagt: ‚Und jetzt bin ich dann mal weg.‘  Ich habe mich auf den Stuhl gesetzt, habe dabei gelächelt, so dass die Schüler sahen: Sie ist nicht wirklich weg. Aber ich habe klar zu verstehen gegeben: So, Kinder, jetzt seid ihr dran. Ihr fragt eure Mitschüler, wenn ihr etwas nicht wisst, und ihr dürft auch gern herumgehen, wenn es der Nachbar gerade nicht weiß, und wenn ihr das leise macht, dann geht das alles.

Es dauerte bestimmt zwei Wochen, bis das auch die letzten hartnäckigen, sehnsuchtsvoll nach vorne eilenden Schüler verstanden hatten, aber dann fing es an, dass ich Ruhe bekam zu schauen, wer arbeitet wie, arbeitet überhaupt jeder oder ist jemand damit beschäftigt, in die Luft zu gucken oder nur ganz, ganz langsam zu sein, oder ist es so, dass ich den Eindruck habe, da muss ich doch mal hingehen, da stockt etwas? Ich konnte also von mir aus aktiv werden und hatte nicht das Gefühl, ich werde immer von außen bestimmt. Das war anfangs nicht immer einfach, aber jetzt in der 3. Klasse ist das wirklich so, dass nur noch jemand nach vorne kommt, wenn er gar nicht weiter weiß. Das ist im Rechnen viel mehr der Fall als beim Schreiben, und beim Rechnen ist es auch berechtigt, denn bis der Nachbar verstanden hat, wo das Verständnisproblem des Klassenkameraden liegt, ist er lange damit beschäftigt, und das können die Schüler in dem Alter auch noch gar nicht so formulieren, da fühle ich mich schon zuständig. Aber jetzt arbeiten die Schüler in der Bearbeitungsphase selbständig, und wenn sie nicht weiterwissen oder nicht wissen, wie ich etwas gemeint habe, dann gehen sie zu jemandem, schauen oder fragen, und ich bin da raus. Und dadurch bin ich nicht mehr angespannt und kann dem Einzelnen, wenn da ein Bedürfnis ist, wirklich gerecht werden.

Das Entscheidende ist eben dieses: Die Schüler können das, man muss es ihnen nur zutrauen. Sie können das. Wichtig ist, dass die Schüler untereinander ins Beziehungs- bzw. ins Gesprächsgeflecht kommen und nicht alles über den Lehrer läuft. Und wo soll man das besser anlegen als in der 1. Klasse! Und wenn man dann noch weiß, dass die Kollegin in der Handarbeit nicht anders arbeitet und wir uns da immer ganz eng abstimmen, dann ist es für die Schüler klar, dass das so geht.

 

Frage: Und fühlen die Schüler sich sicher dabei?

 

Beate Benkhofer: Das ist das, was die Schüler auszeichnet, dass sie sich sicher fühlen. Es gibt einige, die ganz unsicher im Rechnen sind, es gibt z. B. ein Mädchen, bei dem ist eine Dyskalkulie festgestellt worden, und das haben die Diagnostiker ihm auch gesagt, als es in der 2. Klasse war. Dieses Mädchen sagt: ‚Frau Benkhofer, ich kann nicht rechnen, ich habe eine Dyskalkulie.‘ Und ich sage ihr darauf: ‚Du, wenn du das immer denkst, dann wird das so sein, aber wir werden Schritt für Schritt vorankommen.‘

Ich habe ja jetzt auch Lernzeiten, diese freien Arbeitszeiten, jeder Schüler hat drei Lernzeiten in der dritten Klasse, und wir haben in diesen Lernzeiten vom Sommer bis Herbst alle lesen gelernt, ich habe mich nur dem Lesen gewidmet. Jetzt habe ich mir vorgenommen, dass ich eine Rechenlernzeit mache, so lange, bis auch da große Sicherheit ist. Diejenigen, die bereits im Kopf rechnen können: 27 mal 53 - die gibt es! -, werden eine andere Art von Futter bekommen als die, die noch überlegen müssen, ob die 5 näher bei der 100 ist oder bei der 1, die kein Zahlenverständnis haben. Ich werde verschiedene Rechen-Übzettel anbieten und werde dann herumgehen und die ersten zwei, drei Aufgaben mit denen rechnen und dann aber sagen: ‚So, jetzt probiere mal selbst.‘ Ich werde in Gruppierungen arbeiten lassen, die ähnlich sind, vielleicht hilft der eine dem andern, und wenn die Gruppierungen allein nicht weiterkommen, dann dürfen sie mich rufen, und dann setze ich mich dazu. Und die, die schon immer mal miteinander so richtig loslegen wollten, sollen das auch tun können. Das ist das Ziel, das Erste: dass nicht alle alles machen müssen und dass man etwas für sich allein üben kann und Freude dabei hat, egal, auf welchem Level man sich befindet.

 

Frage: Und irgendwann willst du so weit sein, dass du in den Lernzeiten gar nicht mehr unterrichtest, sondern den Schülern völlig freistellen kannst, was sie machen?

 

Beate Benkhofer: Genau. Jetzt zum Beispiel gibt es noch Langsam-Schreiber, wenn das so bleibt, dann könnte man sagen: ‚Die einen können sich jetzt ums Rechnen kümmern, die anderen können die Epochenhefte vervollständigen, nehmt euch das Heft und macht es fertig.‘ Wichtig ist, dass es für die Schüler befriedigend ist. Dass sie wirklich mit etwas nach Hause gehen und sagen können: ‚Ja! Ich hab‘s geschafft.‘ Was auch immer das ist. Das ist das Ziel: die Schüler altersgemäß immer weiter zu entlassen in die Selbständigkeit, indem sie lernen, selbständig zu arbeiten und schließlich auch selbständig zu lernen.

 

Frage: Und die Eltern, haben die sich mal geäußert?

 

Ich habe den Eltern meiner Klasse  erzählt, wie ich arbeite und aufgrund welcher Überzeugungen, und die Antwort war einhellig: ‚Machen Sie das so.‘  Da ist großes Vertrauen. Die Eltern sehen: Ich bin sicher bei dem, was ich tue, die Kinder sind sicher und zufrieden, für die ist alles klar. Große Zufriedenheit, keine Bedenken.

 

Das Kasperletheater

Dadurch, dass die Schüler schon in der 1. Klasse gemerkt haben: Wir können ganz gut auch ohne Frau Benkhofer arbeiten, ohne dass sie uns etwas sagt, entstand in der 2. Klasse Folgendes: Der ‚Verkehrskasper‘  war bei uns gewesen, das waren sehr kompetente junge Polizisten, die im Kasperlespiel gezeigt haben, wie man sich im Straßenverkehr richtig verhält, und ich fand es großartig. Danach sagte ich zu der Klasse: ‚Das wäre doch toll, wenn wir auch mal Kasperletheater machen würden, oder?‘ Das nahm ein Kind sofort zum Anlass zu sagen: ‚Mein Großvater hat Kasperpuppen selbst geschnitzt, die haben wir zu Hause.‘ Ein  anderes Kind sagte: ‚Räuber Hotzenplotz habe ich schon mal zu Hause gespielt mit meinen Kasperlepuppen.‘ Gut, dann haben wir gleich am nächsten Tag gefragt: ‚Wer hat Lust, beim Kasperletheater mitzumachen?‘ Es meldeten sich zehn, zwölf Kinder. Dann sind die anderen in die Pause gegangen und ich habe mit den Kindern, die sich gemeldet hatten, zusammengesessen. Ich habe sie gefragt: ‚Wie können wir das jetzt machen?‘ Die  Schüler haben gesagt: ‚Wir würden das in der Pause üben.‘ Damals hatten wir in der 2. Klasse ja noch mehr Pausen- und Abschlusszeit, so gab es fast eine Stunde, bevor die Kinder nach Hause gingen, in der kein Fachunterricht mehr stattfand. Dann hat das eine Kind gesagt: ‚Ich bringe das Kasperletheater mit, aber das ist wertvoll, da müssen wir ordentlich mit umgehen.‘ Das nächste Kind hat gesagt: ‚Ich lese, ich bin die Vorleserin.‘

Und so ging das los: Die  Kasperlepuppen wurden mitgebracht und die Kinder fingen an zu proben. Ich  bin immer zu Anfang hingegangen und habe gefragt: ‚Was habt ihr euch für heute vorgenommen?‘ Dann haben sie das kurz erzählt. ‚Gab‘s gestern Schwierigkeiten?‘ - ‚Ja, wir waren da zu fünft hinter der Bühne, da war es so eng, da kam man gar nicht zum Spielen.‘ - ‚Also wie muss man sich organisieren, damit dem, der gerade mit der Puppe dran ist, nicht der andere im Weg ist, der gar nicht mit der Puppe spielt?‘ Und so weiter. Wir haben das kurz besprochen, und ich bin wieder gegangen. Vorher habe ich ihnen gesagt: ‚Wenn ihr mich braucht, ich bin auf dem Schulhof.‘ Dann haben die Kinder allein geübt.

Irgendwann sagten sie: ‚Jetzt möchten wir Ihnen das mal zeigen.‘ Es wurde dann deutlich, die Vorleserin las in einem Tempo, dass einem die Sinne schwanden, die Kasperlepuppen kamen gar nicht so schnell hinterher! Also habe ich gesagt, wie das Spiel auf mich gewirkt hat, dass es ein bisschen schnell war und dass die Vorleserin ganz langsam lesen sollte. Es gab dann auch ein bisschen Rangelei: ‚Ich möchte auch den Räuber Hotzenplotz!‘ -  ‚Nee, du nicht!‘ usw.  Meine Frage an alle: ‚Was ist euer Eindruck, wer sollte ihn spielen?‘ Da wurden sie sich relativ schnell einig: Die Schülerin Soundso sollte jetzt nicht den größten Part bekommen, denn die konnte den Text immer noch nicht auswendig usw.

Gut, und dann haben sie wieder ein bisschen daran gearbeitet, wieder ohne mich, und irgendwann haben sie gesagt: ‚So, jetzt wollen wir es der Klasse mal zur Probe zeigen.‘ Es wurde aufgebaut, der Vorhang ging auf, und sie spielten  es vor, perfekt, wie ich fand. Riesenapplaus von ihren Mitschülern. Anschließend haben sie es der Unterstufe vorgeführt. Dann kam der Wunsch von den Schülern, sie würden es auch gern den Eltern vorführen. Aber es war Adventszeit, und wir fanden: Im Advent passt es nicht wirklich, Kasperletheater zu üben, da haben wir so viel anderes zu tun, das müssen wir im neuen Jahr wieder aufgreifen. Vielleicht würden dann auch andere mitspielen wollen.

Im Januar habe ich dann gesagt: ‚Wie wollen wir es jetzt machen?‘ Da sagte  ein Schüler: ‚Ach, das brauchen wir gar nicht in der Schule zu üben. Ich habe mit meinen Eltern gesprochen, das machen wir bei uns zu Hause.‘ Die Eltern von dem Jungen waren bass erstaunt, dass sie plötzlich viermal die Woche 12 Kinder bei sich zu Hause hatte, sie haben dem aber zugestimmt, waren ganz angetan. Die Kinder haben immer eine und ein viertel Stunde gearbeitet. Nun hatte  der Schüler, bei dem das zu Hause stattfand, ja Heimrecht, war sozusagen Chef, so empfand er sich, und etwa nach der 2. Probe kamen die ersten Schüler zu mir und sagten: ‚Ich geh da nicht mehr hin! Der verteilt da so Smileys und Regenwolken, wenn wir das nicht richtig machen, und da fühle ich mich gar nicht gut bei.‘  Ich sagte: ‚Das Beste ist, ihr sagt ihm das.‘ -  ‚Das haben wir ihm schon gesagt, aber er hat es das nächste Mal wieder gemacht.‘

Also habe ich mir vorgenommen, ich spreche mal mit dem Jungen. Der Junge kommt in die Klasse, und ich sage: ‚Du, komm doch einmal kurz her, ich möchte dir einmal etwas sagen.‘ Da sagt er: ‚Ich weiß schon, was Sie mir sagen wollen.‘ -  ‚So?‘ - ‚Ich mach‘s nicht mehr.‘ - ‚So?‘ - ‚Ja, ich habe schon gemerkt, dass Kinder traurig sind und nicht mehr kommen wollen, und ich glaube, ich hab‘s übertrieben.‘ Und dann haben sie zu Ende geprobt und den Eltern vorgeführt, und ehrlich gesagt, habe ich bei dieser ganzen Sache nicht mehr gemacht als das, was ich jetzt erzähle.

Was das Entscheidende ist, ist, dass man diese Freiräume geben muss. Also, diesen Raum zum Ausprobieren und Üben. Man muss Kindern solche Freiräume geben, wo sie reingehen können und sich erproben.

 

Das Zirkusprojekt

Noch so ein Freiraum war dann das Zirkusprojekt. Zwei Schüler sagten, sie würden es lieben, Zirkus zu Hause zu spielen, und gleich schrie eine ganze Reihe: ‚Ich auch! Können wir das nicht machen?‘ Dann haben sie gleich beim ersten Mal Kostüme mitgebracht und von der Dreiviertelstunde, die sie zur Verfügung hatten, sich eine halbe Stunde lang umgezogen, eine Viertelstunde geübt und schließlich gemerkt: ‚Frau Benkhofer, wir haben zu wenig Zeit.‘  Ich fragte: ‚Müsst ihr denn im Kostüm üben? Macht man das nicht erst kurz vor der Aufführung?‘  

Ach ja, stimmte ja. Gut, dann hat man also so, wie man war, geübt. Dann kam aber relativ schnell der eine oder andere und sagte: ‚Ich finde das doof, ich mach da nicht mehr mit, ich will nicht mehr über die Bank hüpfen.‘ Ich fragte: ‚Was möchtest du denn gern machen?‘ -  ‚Weiß ich auch nicht, aber ich steig da aus.‘ Von diesen Kindern gab es zwei, drei, weil sie merkten, da herrschte ein Ton, den sie von den Lehrern nicht gewohnt waren, viel strenger als die Lehrer. Schließlich haben die, die noch übrig blieben, das waren so acht, gesagt: ‚Mehr dürfen jetzt aber nicht gehen!‘ Gut, dann haben wir uns zusammengesetzt und gesagt: ‚Was auch immer passiert, wir bleiben zusammen.‘ Und ich habe gesagt: ‚Ich helfe euch, dass das auch gehen kann.‘ Und dann ging es auch. Es gab natürlich immer mal wieder eine Situation, die nicht so einfach war, zum Beispiel sagten sie eines Tages: ‚Frau Benkhofer, als Sie draußen waren, haben einige nur Blödsinn gemacht.‘  - ‚Gut‘ , habe ich gesagt.  ‚Was braucht es denn? Kann es sein, dass nicht immer alle üben müssen, sondern vielleicht auch nur mal nur drei?‘ Ja, das stimmte. Und dann haben sie sich einen Plan gemacht, wer wann übte und so weiter.

Schließlich haben wir in der 2. Klasse den Zirkus vorgeführt. Weil die Mitschüler so begeistert waren, kam daraufhin eine Welle von: ‚Oh ja, wir wollen auch Zirkus machen.‘ Das konnte ich mit so vielen Schülern aber nicht mehr allein umsetzen, und das ging auch nicht mehr im Schulbereich. Deshalb habe ich die Eltern gefragt, und es fanden sich zwei Eltern, beide Sportlehrer, und dann haben wir immer einmal die Woche eine Stunde Zirkus gemacht. Das war aber jetzt nicht im Sinne von: ‚Wir lassen euch jetzt mal‘, sondern da haben die Kinder richtig trainiert: Bodenturnen, Clownnummern usw.

Das waren die Projekte, die die Schüler selbst angeregt, selbst in die Hand genommen haben und bei denen ich eigentlich immer nur Linienwächter oder Berater war und mich dann von den Ergebnissen überaus beschenkt fühlte. Nichts von dem, was sie gemacht haben, wäre mir in den Sinn gekommen, nichts war meine Idee  gewesen und ich hatte auch nicht gedacht, dass es in dieser Form  zustande kommen würde. Und wieder die Erkenntnis: Trau den Schülern viel zu und du wirst sehen, sie können noch viel mehr.

 

Frage: Wie sind die aufführenden  Kinder eigentlich aus dem Projekt hervorgegangen? Ist da noch etwas geblieben, so ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl oder so? Denn die Kinder wirkten schon während der Vorstellung auffallend selbstbewusst.

 

Frau Benkhofer: Also, weil genau diese Kinder zurzeit anfangen, in der Pause andere Kinder bei dem, was sie gerade tun, zu stören, hab ich mich gerade heute gefragt, ob sie mehr Futter brauchen, ob man nicht wieder gemeinsam etwas suchen sollte, wo sie reinschlüpfen, damit sie sinnvoll arbeiten können. Denn das sind Schüler, die können was, was die sich vornehmen, das können sie. Und ich glaube, diese Erfahrung müssen sie immer mal wieder machen. Dafür könnte ich zum Beispiel die Lernzeiten, diesen Schatz, den wir da haben, zur Verfügung stellen.

 

Frage: In den Lernzeiten machst du bislang Rechnen und Schreiben und Lesen, nicht wahr? Also, man kann noch nicht untersuchen, inwieweit die Lernzeiten sich positiv auf die anderen Unterrichte auswirken?

 

Frau Benkhofer: Ich würde so etwas noch nicht wirklich untersuchen können, aber ich habe ein Beispiel. In den Lernzeiten habe ich den Kindern gesagt, dass jeder sich im Klassenraum den Ort zum Lesen suchen sollte, wo er sich wohlfühlt.  Vielleicht hat so etwas bald einmal eine Auswirkung, dass nicht jeder immer vor seinem Tisch sitzen muss, sondern dass er sich das so macht, wie er das braucht, also dass er ein Körpergefühl für sich entwickelt: Wie geht es mir gerade und was brauche ich gerade?  Ich hab ja immer schon gedacht, wir müssten ganz viele klappbare Holzliegestühle haben. In jeder Klasse müssten so zehn davon an der Wand stehen, und wenn die Schüler das brauchen, dürfen sie sich einmal wirklich ausstrecken. Denn immer auf den Bänken sitzen ohne Lehne -  ich möchte das nicht! Also so etwas mag dann auch Auswirkungen haben, dass die Schüler solche Bedürfnisse überhaupt wahrnehmen dürfen und dann auch noch äußern. Und wenn es ernsthaft ist und nicht nur ein Fliehen, dann möchte ich es ihnen auch gewähren. Das hat ja auch mit Schule als Lebensraum zu tun. Man muss auch mal aus der Sitzposition herauskommen dürfen und trotzdem kann man was tun. Man muss auch nicht immer im Klassenraum sitzen, um zu lernen. Und das ist ja diesem Alter auch noch gemäß. ‚Lernzeit‘ hört sich ja zunächst mal ein bisschen kühl an, wenn man nicht weiß, was das ist, aber man könnte auch ‚Lernraum‘ sagen, und dann würde das so etwas mit einschließen. Dass man sich da auch ganz anders mal geben kann.

Mir kommt bei all diesen Dingen immer das Bild vom Spielfeldrand: Der Rand muss sicher sein, da gibt’s keine Dellen drin. Da gibt’s Linienrichter und rote Karten und gelbe Karten, wenn man foult und wenn man die Linie missachtet und einfach über den Feldrand geht, und das will ich gerne sein, bis die Schüler das verstanden haben. Innerhalb des Spielfeldrands dürfen sie allein ran, also im Feld selbst. Aber den Rahmen gebe ich und da bin ich unerbittlich, weil es sonst zu Lasten der anderen geht. Das ist dann Egopflege und das geht nicht. Und ich kann auch den Drittklässlern sagen: Nicht dass ihr glaubt, dass ich gerne streng bin, aber ich bin Wächter dafür, dass wir hier ein gutes ‚Wir‘ zusammen haben. Und wenn da einer sich breitmacht oder zwei oder drei und die anderen bedrängt, dann trete ich als Wächter auf. Dann bin ich streng. Wenn das nicht nötig ist, bin ich es nicht. Und da gucken einen die Drittklässler an und ich sehe in ihren Gesichtern, dass sie denken: Stimmt. So ist es, und es ist auch nötig.

Von Irene Jung - aufgezeichnet im Oktober 2014