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13. September 2019

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Bericht über ein Praxisforschungsprojekt: Unsere mündlichen Realschulprüfungen im Fach Deutsch

 

Die mündlichen Realschulprüfungen in Deutsch am Ende der 11. Klasse stellen ein Paradebeispiel für das individualisierte und selbstverantwortliche Lernen der Schüler dar. Dabei gibt es sie bereits einige Jahre, bevor die Praxisforschung an unserer Schule begann. Nur wurden sie damals, im Gegensatz zu heute, keiner systematischen Beobachtung unterzogen.

Die Schüler klagen manchmal, wenn sie an den Vorbereitungen zu der mündlichen Prüfung sitzen: So viel Arbeit! Warum ginge es nicht, in der Prüfung einfach ein paar Fragen zu einem Text zu beantworten? Das wäre doch viel einfacher!

Das wäre es sicherlich. Aber es wäre auch längst nicht so sinnvoll und bereichernd für die Schüler.

Die mündlichen Realschulprüfungen in Deutsch sind Präsentationsprüfungen, das heißt, sie bestehen aus der mündlichen Präsentation eines zuhause erarbeiteten Themas sowie einem „Kreativteil“, in dem es darum geht, einen Aspekt des theoretisch Erarbeiteten kreativ umzusetzen, und als letztes einem Frage-Antwort-Gespräch zwischen dem Prüfling und der Prüfungskommission. Sie dauern eine Viertelstunde pro Schüler bzw., da die Schüler in der Regel in Gruppen zu viert auftreten, eine Stunde. Die Prüfungskommission besteht aus drei Lehrkräften: einem Prüfer, einem Protokollanten und dem Vorsitzenden.

 

Die Vorbereitung auf die Themen

Während die Themen für die schriftlichen Realschulprüfungen von zentraler Stelle für die Hamburger Waldorfschulen entwickelt, behördlicherseits geprüft und dann an die Waldorfschulen weitergeleitet werden, liegen die Themen der mündlichen Realschulprüfungen ganz bei den einzelnen Waldorfschulen. Die Vorbereitung darauf beginnt im Fach Deutsch bereits Monate davor, da liegt sie allerdings noch aufseiten der Lehrkraft. Es geht darum, ein Thema zu finden und im Unterricht zu behandeln, das später genügend Raum für die individuelle Schwerpunkt-setzung ermöglicht. Das Thema sollte also recht allgemein gefasst sein, aber zugleich muss es die Möglichkeit für gedanklichen „Tiefgang“ enthalten. Im  Schuljahr 2014/15 war es beispielsweise eine der vier Grundfragen des Menschen laut Immanuel Kant, die Frage „Was soll ich tun?“ Diese Frage ist im moralischen Sinne zu verstehen und wirft ihrerseits eine ganze Menge von Fragen auf: Was ist richtig, was ist falsch? Wie verhalte ich mich zu meinen Mitmenschen, wie verhalten sie sich mir gegenüber? Wie kann ich so leben, wie es mir und meinen Bedürfnissen entspricht? Wie kann ich im Einklang zwischen meinen Bedürfnissen und Interessen und den Werten und Erwartungen der Gesellschaft leben? Was will ich überhaupt? Wie verhalte ich mich richtig im Konfliktfalle? Usw. Die Literatur beschäftigt sich damit, die Philosophie, die Ethik, Politik, Wissenschaften, Rechtsprechung, und diese Fragen können, wie wir alle wissen, sehr, sehr tief gehen, je nachdem, wie intensiv man sich mit ihnen befasst.

 

Die Gruppenarbeit

In den Vorbereitungen auf die mündlichen Realschulprüfungen wird den Schülern Gelegenheit gegeben, sich so tief und intensiv mit ihren Fragen zu beschäftigen, wie es ihnen überhaupt möglich ist, jeder auf seinem Niveau. Das müssen sie allerdings nicht allein tun, sondern sie arbeiten in Kleingruppen. Diese besteht meistens aus vier Personen und ist idealerweise so zusammengesetzt, dass alle Teilnehmer sich gegenseitig ergänzen und unterstützen und gut verstehen. Das ist extrem wichtig, denn die Gruppen sollen ja über viele Wochen und nicht nur in Deutsch, sondern auch in Englisch und Mathe zusammenarbeiten.  Es kann Wochen dauern, bis alle Gruppen zur weitgehenden Zufriedenheit aller Teilnehmer zusammengesetzt sind, und die Schüler greifen in der Regel gern auf die Hilfe der Lehrkraft zurück.

 

Die Wahl des Gruppenthemas

Wenn die Gruppen gebildet sind, geht es darum, dass jede Gruppe einen thematischen Schwerpunkt finden muss, der sich auf irgendeine Weise mit der vorgegebenen Frage, im aktuellen Schuljahr also der Frage „Was soll ich tun?“ befasst und mit dem alle etwas anfangen können.  Dies ist oft schwierig für die Schüler und kann Wochen dauern, und nicht selten sind Schüler für Vorschläge oder Empfehlungen von außen dankbar.

Es ist interessant, wie unterschiedlich die Schüler mit der Aufgabe umgehen. Manche (die meisten) sehen und ergreifen die Chance, die darin liegt, sich sein Prüfungsthema selbst aussuchen zu dürfen, und geben sich große Mühe mit der Auswahl. Andere wiederum sind froh, wenn ihre Gruppe ihnen die Entscheidung abnimmt, und sagen „Ja“ zu einem Buch, das sie möglicherweise überhaupt nicht kennen.

Es ist auch jedes Jahr faszinierend, wie vielfältig die Wahl der Themen ausfällt. So reichte, um ein paar Beispiele zu nennen, in diesem Schuljahr der Bogen vom Jugendroman „Der Fänger im Roggen“ von J. D. Salinger über zwei berühmte Reden von Martin Luther King und Malcom X, von der Autobiographie „Ich bin Malala“ der jungen Friedens-Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai bis zu dem Roman  „Beim Leben meiner Schwester“ von Jodi Picault, der sich mit einem ethischen Konflikt im Rahmen der Präimplantationsdiagnostik befasst. Man kann an diesen vier doch recht anspruchsvollen Beispielen auch gut erkennen, von welch geringer Bedeutung der Schwierigkeitsgrad und Arbeitsaufwand des gewählten Themas für die Schüler sein können, wenn das Thema nur das ist, was sie wirklich interessiert.

 

Die Wahl der individuellen Schwerpunkte

Im Anschluss an die Auswahl des Gruppenthemas erfolgt die Aufteilung der Arbeiten innerhalb der Gruppen. Jeder Schüler muss mindestens einen inhaltlichen Schwerpunkt wählen, den er allein erarbeiten und in der Prüfung präsentieren wird, sodass seine Eigenleistung deutlich erkennbar wird. Dieser Schwerpunkt darf nicht zu einfach sein. Der Prüfling muss ja unter Beweis stellen, dass er in der Lage ist, einen literarischen Text oder einen Text zu einem bestimmten Sachproblem zu analysieren, zu interpretieren oder zu erörtern, dabei angemessene Methoden und das gelernte Fachvokabular einzusetzen und das Herausgearbeitete auch in einen größeren Zusammenhang zu stellen und zu reflektieren. Eine Inhaltsangabe beispielsweise, die man sich fix und fertig aus dem Netz ziehen könnte, wenn man wollte, würde nicht ausreichen, die  sprachlich-stilistische Untersuchung eines Romans, die Interpretation eines seiner Hauptmotive oder die Charakterisierung einer Hauptfigur dagegen schon. Immer empfehle ich den Schülern dringend, dass der Schwerpunkt sie interessieren sollte, sodass sie ihn nicht einfach für die Prüfung „abarbeiten“, sondern für sich persönlich Gewinn daraus ziehen können.

Alles in allem dauert der Prozess der Themen- und Schwerpunktfindung mehrere Wochen, und es bedarf in den meisten Fällen intensiver Betreuung durch den Lehrer und klarer zeitlicher Vorgaben für die Schüler, damit sie nicht ins Uferlose abgleiten. Auch der Kreativteil, der in der Regel am Ende der Präsentationsprüfung steht, bereitet anfangs häufig Schwierigkeiten, denn auch hier gilt es, etwas zu finden, was passend zum Thema ist, womit alle Gruppenmitglieder etwas anfangen können und was überhaupt kreativ umsetzbar ist. Ansonsten sind den Möglichkeiten allerdings keine Grenzen gesetzt: ein fiktives Gespräch, eine Fotocollage, ein Kurzfilm, Gedichte, selbstgemalte Bilder, eine nachgespielte Szenen eines Romans, ein fiktives Interview mit dem Schriftsteller …

 

Die individuelle Erarbeitung

Haben die Schüler diese Hürde überwunden, beginnt die individuelle Erarbeitung. Um sie den Schülern zu erleichtern (was von ihnen aber kaum jemals so gesehen wird), bekommen sie den Auftrag, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine inhaltliche Gliederung ihres Schwerpunkts abzugeben. Dies erscheint mir notwendig, damit die Schüler von Anfang an strukturiert vorgehen und sich nicht in Einzelheiten oder auf Nebenwegen verirren bzw. irgendwann das Wesentliche nicht mehr vom Unwesentlichen unterscheiden können. Neben dem inhaltlichen Plan werden die Schüler aufgefordert, einen Zeitplan zu erstellen, in welchem sie die wesentlichen Phasen ihrer individuellen Bearbeitung sowie die Phasen der gemeinsamen Arbeit in der Gruppe festlegen. Auch dies ist eine Hilfestellung, die äußeren Halt bieten soll. Wie die Schüler dann letzten Endes ihre Arbeit gestalten, in welchem Tempo, ob allein oder mit der Gruppe, mit welchen Hilfsmitteln usw., bleibt vollständig ihnen überlassen. Natürlich stehen sie nicht allein da und können jederzeit Hilfe in Anspruch nehmen, und das tun sie auch oft und bis zum Schluss. Wichtig ist aber, dass den Schülern nur so weit geholfen wird, wie sie brauchen, um wieder allein arbeitsfähig zu sein.

Eine hohe Anforderung stellt für viele Schüler der enge zeitliche Rahmen der Prüfung dar. Die Schüler fragen: „Wenn für jeden von uns ein Zeitraum von zehn Minuten für die Präsentation und fünf Minuten für das Gespräch mit der Prüfungskommission vorgesehen ist und ich diesen Zeitrahmen nicht überschreiten darf, wenn von diesen zehn Minuten auch noch eine Einleitung sowie ein gemeinsamer Kreativteil abgehen, dann bleiben am Ende ja nur mehr etwa acht Minuten für meine Präsentation! Wie soll ich es denn schaffen, meine Stofffülle in acht Minuten zu präsentieren?!“ Meine Antwort lautet: „Indem Sie sich erst den gesamten Stoff aneignen und ihn dann auf das Wesentliche komprimieren. Indem Sie Schwerpunkte setzen und Inhalte, die für das Verständnis nicht unbedingt notwendig sind, mutig weglassen.“ Dann stöhnen die Schüler und meinen, das könnten sie bestimmt nicht – und doch stellt sich letzten Endes bei den mündlichen Prüfungen regelmäßig heraus, dass sie alle dazu in der Lage sind.

Eine weitere Herausforderung für die Schüler ist die Aufgabe, den eigenen Schwerpunkt während der Präsentation zu visualisieren. Dabei stehen ihnen viele Möglichkeiten zur Verfügung, allen voran Flip Charts. Diese sollten ansprechend gestaltet und auch aus einer Entfernung von zehn Metern noch lesbar sein, und sie sollten – die größte Schwierigkeit von allem – weder zu viele noch zu wenig Information enthalten. Insbesondere Letzteres wirft häufig Fragen auf und gelingt vielen Schülern nicht auf Anhieb. Und doch schaffen sie auch das am Ende alle.

 

Die Rolle der Lehrkraft

Die Phase der individuellen Erarbeitung, der gemeinsamen Erarbeitung des Kreativteils und schlussendlich der Klärung, in welcher Reihenfolge die einzelnen Themenschwerpunkte am sinnvollsten präsentiert werden sollten, dauert einige Wochen. Den Schülern werden hierfür die Übstunden (zwei pro Schüler und Woche) zur Verfügung gestellt. Aber natürlich reichen diese Stunden bei weitem nicht aus, sondern es muss auch zuhause viel Arbeit investiert werden.

Bei all diesen Aktivitäten bin ich als Lehrerin dabei, berate auf Wunsch, helfe, wenn jemand eine Frage hat oder nicht weiterweiß, spreche Empfehlungen aus, kontrolliere die Gliederungen auf Vollständigkeit und logischen Aufbau und sage, wenn etwas fehlt oder noch nicht stimmig ist. Die Vorbereitung auf die Übstunden entfällt für mich in diesen Wochen, allerdings muss ich mich in die von den Schülern gewählten Themen einarbeiten und die Präsentationsprüfungen vorbereiten, und das bedeutet, bei einer Klassengröße von 32 bis 36 Schülern, also 8 bis 9 Gruppen, viel Arbeit für mich. Es ist aber eine Arbeit, die sich lohnt, denn mit nur sehr wenigen Ausnahmen verlaufen die Präsentationsprüfungen am Ende außerordentlich erfolgreich und übertreffen manches Mal meine Erwartungen. In der Regel gehen die  präsentierten Ergebnisse und Kenntnisse deutlich über oberflächlich angeeignetes Wissen hinaus. Viele Prüflinge erzielen eine Note, die weitaus besser ist als die Noten, die sie sonst im Deutschunterricht erreichen, manch ein Prüfling wächst geradezu über sich selbst hinaus. Wichtiger noch finde ich aber die Erkenntnis für die Schüler, dass sie eine Aufgabe, die schwierig war, die viel Überlegung und Arbeitseinsatz und Durchhaltevermögen erforderte, die sie sicher auch manches Mal an ihre Grenzen gebracht hat, bewältigt haben. Die gelungene Prüfung zeigt ihnen, dass der Arbeitseinsatz sich gelohnt hat und dass sie, wenn sie sich anstrengen, zu positiven Ergebnissen, Lob und Anerkennung kommen.

 

Welches sind also die Aspekte, die diese Art zu lernen so erfolgreich machen?

  • Die Schüler können sich ihr Prüfungsthema innerhalb eines weit gesteckten Rahmenthemas selber wählen, ganz nach persönlichem Interesse.
  • Sie bekommen die Möglichkeit, für einige Wochen ihren Arbeits- und Lernprozess in inhaltlicher, methodischer und zeitlicher Hinsicht komplett nach dem eigenen Lern- und Leistungsstand, nach eigenem Interesse und nach dem eigenen Lerntypus auszurichten.
  • Sicherheit erhalten sie auch durch die Möglichkeit, sich von der Lehrkraft oder der Gruppe beraten zu lassen, Empfehlungen bzw. Hilfestellung einzuholen. Die Schüler werden nie allein gelassen!
  • Sie werden von Anfang an darin unterstützt, strukturiert vorzugehen und sich nicht im Wirrwarr von Ideen, deren Umsetzung ebenfalls interessant sein könnte, in Nebensträngen und Detailaspekten zu verlieren. Diese Unterstützung geschieht wesentlich in Form von Gliederungen, welche den Schülern relativ frühzeitig abverlangt werden (zunächst die Gliederung der Gruppenarbeit, später die Gliederung des individuellen Schwerpunktthemas). Die Gliederungen können später gerne überarbeitet werden, dies gehört ja sogar dazu, wenn man ein Thema erarbeitet. Aber zunächst müssen sie erstellt werden!
  • Die klaren, verbindlichen Vorgaben, bis zu welchem Zeitpunkt etwas erarbeitet werden muss, geben den Schülern Halt.
  • Last but not least: Die Realschulprüfungen sind in der schulischen Karriere der Schüler die erste große Prüfung von Bedeutung. Dies gilt vor allem für die Schüler, die danach von der Schule abgehen und eine Ausbildung beginnen möchten. Aber auch die anderen, die das Abitur anstreben, können sich vorstellen, dass es keine schöne Erfahrung ist, vor der dreiköpfigen Prüfungskommission zu stehen und sein Thema nicht zu beherrschen. Es herrscht also ein Druck, es geht um was. Man mag die in Waldorfschulen immer dominanter werdende Rolle staatlich anerkannter Prüfungen beklagen. Aber sie sorgt für extrinsische Motivation, die der Bedeutung dessen, was man erarbeitet, noch einmal besonderes Gewicht verleiht.
  • Sie können selbständig arbeiten, haben durch die Gruppe aber eine gewisse Sicherheit.

Von Irene Jung, Juni 2015