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Mittwoch, 5. Juni 2019 19.00 Uhr


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Schüler lesen: Kurzbericht über ein Projekt zu selbstverantwortlichem Lernen

Können Sie lesen? Natürlich! Eine dumme Frage. Und doch wieder nicht, denn Lesen ist mehr als Buchstabieren und Wörter aneinanderzureihen. Die an dem Projekt beteiligten Schülerinnen und Schüler haben das erfahren und sind immer noch dabei, es zu üben, um sich zu verbessern. Es geht hier um gestaltendes, Sinn tragendes lautes Lesen, also um Vorlesen. Über die mit dem Lesevorgang verbundenen (intellektuellen) Anforderungen kann vielleicht zu anderer Zeit geschrieben werden. Da dieses Projekt, das ich mit der 11. Klasse im Deutschunterricht schon seit Beginn der 10. Klasse mit Unterbrechungen und in Abständen durchführe, mit dem Schuljahresende, also mit dem Eintritt der Klasse in die Profilstufe wahrscheinlich für diese erst einmal abgeschlossen sein wird, möchte ich hier kurz über das Warum, über Ziele, Absichten und einige Ergebnisse berichten, die dem Zwischenstand vom Herbst 2010 entsprechen. Mittlerweile ist die Methode mehrfach modifiziert worden, das Projekt noch weiter individualisiert und die Schüler sind auch experimentierfreudiger geworden.

 Mein zentrales Anliegen dabei ist nicht, die Schüler zu Vorleseprofis auszubilden, sondern ihr Sprachverständnis zu fördern, und zwar durch den gestaltenden Umgang mit Texten (Lesen, Hören, Reflektieren). Ich möchte damit vor allem erforschen, ob die von den Schülerinnen und Schülern erworbene Kompetenzen positiv zum Erfassen von grammatikalischen Strukturen und sprachlichen bzw. stilistischen Qualitäten beitragen und sich somit auf die Beherrschung des Elementarbereichs (Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik, Satzbau und Ausdruck), auswirken. Ich verfolge damit also einen ganzheitlichen Ansatz.

 

Verlauf des Projekts: Ablauf und Auswertung

Der hier beschriebene Projektabschnitt bezieht sich auf die erste Deutschepoche der 11. Klasse. Das Projekt wurde danach in den so genannten Übstunden und mit Unterbrechungen durch die Realschulabschlussprüfungen auf "Sparflamme" weitergeführt.

Die Schüler suchten sich aus der Parzival-Ausgabe von W. Stapel, einer neuhochdeutschen Prosaübertragung, jeweils eine Passage zum Vorlesen aus. Zur Vorbereitung sollten die Schüler sich die bereits früher erarbeiteten Kriterien für gutes und richtiges Vortragen vergegenwärtigen oder nachlesen.

Mein beabsichtigtes Vorgehen war, die Schüler zum Lesen aufzurufen. Das bedeutete aber, dass jeder für jeden Tag vorbereitet sein musste und hat nicht funktioniert, denn bereits am zweiten Tag waren auffallend viele Schüler nicht vorbereitet oder wollten nicht lesen. Ich beschloss, das Projekt auf freiwillige Teilnahme umzustellen. So habe ich abgefragt, wer sich an diesem Projekt weiterhin beteiligen wolle, denn ich hatte den Eindruck, dass die Schüler keine Lust dazu hätten. Das Gegenteil war aber der Fall. Alle Schüler wollten weiterhin an diesem Projekt teilnehmen, was mich veranlasst hat, die Schüler ihrerseits stärker an der Weiterentwicklung zu beteiligen. Die Lesungen erfolgten von jetzt an wieder freiwillig. Es wurde an jedem Tag gefragt, wer am nächsten Tag lesen wolle. Es fanden sich immer genügend Leser.

Die Aufmerksamkeit der Zuhörer war stets vorhanden, die Rückmeldungen waren teils vorsichtig, teils mutig, denn wir hatten schon in der Endphase der vorangehenden Leserunde, die Anfang März  2010 zu Ende gegangen war, beschlossen, auch kritische Rückmeldungen zu geben. Sehr erstaunlich war die Erinnerungsfähigkeit und -bereitschaft an den jeweils ersten Vortrag der Mitschüler. Ich selbst blieb mit Kritik sehr vorsichtig. Es reichte, die Beobachtungen der Schüler zu sammeln und zu würdigen. Die Lesenden wussten, dass hinter jeder Rückmeldung zunächst einmal der subjektive Eindruck eines Mitschülers steckt.

Das Projekt verschlang zu viel Zeit. Da die Schüler – wir waren sehr bald darauf gekommen – zweimal nacheinander vorlesen sollten, dauerten 2-3 Vorträge fast eine halbe Stunde. Dadurch konnten nicht alle Schüler vor der großen Klasse lesen, was einigen sehr recht war, anderen aber nicht.

Der Ablauf war zunächst immer gleich:

  • Einführen in die Textstelle
  • Erklären, worauf die Zuhörer achten sollen, was der Lesende sich vorgenommen hatte
  • 1. Lesen
  • Feedback
  • 2. Lesen
  • Feedback
  • Tipprunde

 

In der 3. Woche durften die ersten Leser ihre Übfortschritte mit einer zweiten Lesung präsentieren. Es stellte sich wieder heraus, dass die Mitschüler sich noch genau an die Stärken und Schwächen in deren erstem Vortrag erinnern konnten.

Um aus der Not eine Tugend zu machen, wurde zuletzt – einmal bisher im HU und einmal in der Übstunde in Tandems gelesen. Das hat den Schülern überwiegend gut gefallen.

Für die Weiterentwicklung machte die Klasse gute Vorschläge, z.B. die Ausweitung auf eine Buchpräsentation oder die Zuhörerschaft ändern. Vielleicht die Patenklasse?

Aus meiner Auswertung der Schülerreflexionen

Das Projekt kommt gut an. In den Reflexionen schreiben die Schüler über ihr Lernen und über ihre Beobachtungen, die sie an sich und den anderen Schülern dabei gemacht haben.

Viele Schüler sprechen sich für die Fortführung aus, es gibt interessante Änderungsvorschläge, aber keine Ablehnungen. Sie begründen ihre Meinung ganz individuell. Eine Äußerung nur beispielhaft:

„Aus meiner Sicht ist es sinnvoll, das Projekt weiterzuführen, da man ganz in sich gehen muss, damit man sich in den Text (den man liest) hineinversetzen kann, sodass die Zuhörer sich hineinversetzen können und mitgerissen werden.“

Ihr Sinn für Textstrukturen wurde geweckt, besondere Satzbildungen, die Lautqualität wichtiger Wörter, Metaphern, Stimmungen, die Gestaltungsmöglichkeiten wörtlicher Rede, Betonung und Dynamik des Vortrags usw. Sie können das nur umschreiben, erfassen diese Dinge jedoch sehr genau.

 

Das zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Die Auswertung bestätigt, dass die Schüler voneinander gelernt haben, die Lesenden von den Zuhörern und die Zuhörer von den Lesenden. Die Qualität der Vorträge wurde häufiger als gut und sehr gut bewertet. Das entspricht auch den Schüleräußerungen im Unterricht, die mir, dem Lehrer, oft etwas zu wohlwollend vorkamen. Allerdings ist mir deutlich geworden, wie schwer ein fehlerfreies und wirklich gut gestaltetes Lesen ist, und das auch noch für Schüler höherer Klassen.

Allen Schülerreflexionen ist zu entnehmen, dass diejenigen, die zweimal oder noch öfter gelesen haben, ihre Fertigkeit weiter entwickelt haben. Dies festzustellen, war allen, die eine Reflexion verfasst haben, sehr wichtig.

 

Damit sehe ich ein wichtiges Ziel als erreicht. Die Schüler haben das Lernen als einen Prozess aus Üben, Korrigieren und Weiterüben erkannt. Mit ihren eigenen Worten haben viele das auch  formuliert.

Einige Schüler haben sich ihre Passage sehr bewusst nach den gestalterischen Möglichkeiten ausgesucht und diese dann auch sehr differenziert ausgestaltet. So ging es einer Schülerin zum Beispiel um den Gegensatz von Wärme und Kälte in der Stimmung oder darum, Ruhe und Aufgeregtheit durch die Variation des Tempos herauszuarbeiten.

An den unterschiedlichen Ansätzen und Zugriffen der Schüler zeigt sich die Individualisierung der Lernaufgabe, die jeder Schüler selbst und eigenverantwortlich gestalten konnte. In den Reflexionen aufgrund der Lerntagebuchnotizen werden meistens die von den Schülern selbst bestimmten methodischen Vorgehensweisen auch angeführt oder wenigstens angedeutet.

 

Auch das ist ein angestrebtes Ziel: Mittel und Wege zum selbstverantwortlichen Lernen finden.

Einige haben den Unterschied bemerkt, ob sie einem anderen Schüler vorlesen oder der ganzen Klasse. Die Bedürfnisse unterscheiden sich hier auch sehr stark. Manche wünschen sich aber beides im Wechsel, weil das Lesen vor der Klasse die größere Herausforderung darstellt. Eine Schülerin bezeichnet als eine „wirklich positive Entwicklung, dass die ganze Klasse Kritik abgeben konnte und der Leser so einem breiteren Publikum gerecht werden konnte.“

Die eigenen Zielsetzungen gehen ebenfalls auseinander. Manchen Texten merkt man den Stolz auf ihren Erfolg an.

 

Einige Aspekte des selbstverantwortlichen Lernens

Aus der Verlaufsbeschreibung lassen sich einige Aspekte des selbstverantwortlichen Lernens herauslesen.

1.   Alle Aktivität geht vom Schüler/von der Schülerin aus:

in Er/sie entscheidet sich freiwillig zur Teilnahme, bestimmt den Text, an dem er/sie übt, wie umfangreich der Text ist, was und wie geübt wird. Jeder bestimmt also die Ziele selbst.

2.  Er/sie trägt abwechselnd vor und hört zu, erhält dabei Korrektur und gibt selbst Korrektur. Es handelt sich also um partnerschaftliches Lernen.

3.  Die Lernerfahrungen eines jeden sind von der Zielsetzung und vom Einsatz abhängig. Jeder lernt durch die Möglichkeiten der anderen.

4.  Es handelt sich um reflektierendes Lernen. Die Schüler beobachten ihren eigenen Lernprozess.

5.  Es handelt sich um individualisiertes Lernen, da jeder die Methoden und Wege zur Lesefertigkeit ausprobieren muss, um die ihm gemäße herauszufinden.     

Von Christoph Günther